Unheilbar

Bergljot hat vor vielen Jahren mit ihrer Familie gebrochen, doch eines Tages wird sie in Erbstreitigkeiten, die sich zwischen ihren Geschwistern immer mehr aufheizen, hineingezogen. Dabei geht es um ein Wochenendgrundstück mit zwei einfachen Holzhäusern, wie sie in Skandinavien viele Familien besitzen. In den 1960er- oder 70er-Jahren günstig erworben, im Wald oder am Meer, und mit einfacher Ausstattung. Inzwischen sind diese Grundstücke, je nach Lage, unbezahlbar. (Ein wenig vergleichbar mit Wiener Schrebergärten.) Bergljot hat zwar auch eine Meinung im entstandenen Streit, doch eigentlich geht es ihr nicht um Geld. Es geht ihr um die Anerkennung ihrer Kindheitsgeschichte als wahre Geschichte. Einer Geschichte des sexuellen Missbrauchs durch den Vater. So lange er lebte, hoffte sie auf ein Schuldeingeständnis, noch im Nachlass hofft sie auf einen Brief, irgendetwas. Doch nicht nur der Täter schweigt, auch die anderen Familienmitglieder stehen auf dem Standpunkt, dass man die Wahrheit halt nicht kennen kann, wenn Aussage gegen Aussage steht. Der neuerliche Kontakt mit der Familie reißt Wunden auf, doch Heilung oder Versöhnung sind ferner denn je. Eine ruhig erzählte Geschichte, die die Prota-gonistin immer stärker in die Abwärtsspirale zieht. Ungemein eindrücklich. Doch auch wenn eine laut rufen würde: „Bergljot, ich glaube dir“, würde das nicht genügen. Brillant in Literatur umgesetzte Gefühle!

Vigdis Hjorth: Bergljots Familie. Aus dem Norw. von Gabriele Haefs. 385 Seiten, Osburg Verlag, Hamburg 2017 EUR 20,60

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