Aufbruch

nors_rechts_blinkenAufgewachsen am letzten Ende der dänischen Provinz lebt Sonja nun schon seit dem Studium und somit über zwanzig Jahren in Kopenhagen. Sie ist erfolgreiche Übersetzerin eines schwedischen Bestseller-Krimiautors, was heißt, sie lebt bescheiden. Sonja lebt alleine und einsam. Der Kontakt zu ihrer Schwester ist so gut wie inexistent. Die Verbindung zu den Eltern erkaltet. In einem Versuch aus diesem Stadium auszubrechen, will sie endlich den Führerschein machen, doch sie fühlt sich mehr als unbegabt, was sich kaum dadurch ändern lässt, dass ihre großschnäuzige, aggressive Fahrlehrerin immer für sie schaltet, während sie ununterbrochen auf sie einredet – über alles, nur nicht übers Autofahren. Die Kraft, die es braucht, um gegen all das anzukämpfen, aus diesem ohnmächtigen Befinden auszubrechen, macht Dorthe Nors in ihrem Roman ganz real spürbar. Sonja schleppt sich durchs Leben, aber kleine Schritte – wie der Wechsel der Fahrlehrerin – setzen eine Entwicklung in Gang. Trotz der lähmenden Thematik wird der Inhalt des Buches nie depressiv und auch der Lesefluss nicht gehemmt. Für Sonja geht das Leben vorwärts und die Leserin bleibt in positiver Stimmung zurück.

Dorthe Nors: Rechts blinken, links abbiegen. Aus dem Dän. von Franz Zuber. 192 Seiten, Kein & Aber, Zürich – Berlin 2016 EUR 20,60

erstmals erschienen in WeiberDiwan 02/2016

In der Fremde

thor_maedchen_weit_wegEine alte Frau, die Graue, wohnt in einer Hütte mitten im Wald. Allein, und das mag sie. Doch eines Nachts im Winter steht ein kleines Mädchen vor der Tür, ganz rot angezogen, und bittet um Einlass. Sie darf hereinkommen, doch nur kurz, denn die Graue ist lieber allein. Schließlich darf das Mädchen doch auf einer Matratze übernachten, aber am anderen Morgen muss es weiterziehen. Mit unbekanntem Ziel, denn sie kommt von weit her, wo sie niemanden mehr hat. Die Graue bleibt zurück, doch nun ist nichts mehr wie vorher, schließlich macht sie sich auf die Suche nach dem Mädchen.

Mit Kindern über das Thema Flucht zu reden ist nicht so einfach. In diesem Buch wird dazu auch nichts erklärt, aber gezeigt, wie es sich anfühlen kann, allein zu sein, in der Kälte, um Hilfe zu bitten, kurz vielleicht Aufnahme zu finden, aber immer noch allein zu sein. Die Welt der Grauen ist zwar adrett, Farbe bekommt sie – und das zeigen die Illustrationen voll Wärme – erst durch das kleine rote Mädchen. Voll Gefühl.

Annika Thor: Das Mädchen von weit weg. Illustriert von Maria Jönsson. Aus dem Schwed. von Kerstin Behnken. 32 Seiten, Oetinger, Hamburg 2016 EUR 13,40

erstmals erschienen in WeiberDiwan 02/2016

Im Fluss

forstenson_sprache_und_regen1Mit „Sprache und Regen“ brachte der Hanser Verlag im Frühjahr 2016 einen Lyrikband der Schwedin Katarina Frostenson heraus. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Gedichten, die im Original zwischen 1999 und 2011 in vier unterschiedlichen Gedichtbänden erschienen. Frostenson wurde 1953 in Stockholm geboren, verfasste neben Lyrik auch Dramen und Prosa und arbeitet als Übersetzerin aus dem Französischen. Als Mitglied der Schwedischen Akademie ist sie sowohl als Frau als auch als Lyrikerin die Ausnahme von der Regel. In den 1980er Jahren, als Frostenson in Schweden zu einer der bedeutendsten Lyrikerinnen avancierte, wurde ihr Werk als wichtiger Repräsentant einer neuen weiblichen Poesie verstanden, die sich weigert sich an bestehende Formen anzupassen, ins innerste der Sprache vordringt und eine metaphorische Lyrik hervorbringt. Inzwischen hat sich ihr Stil weiterentwickelt und die Rezeption geändert, in der Geschlecht keine dominante Kategorie mehr ist. Ihr Sprachspiel und ihre Virtuosität – sie gilt als eine der am schwersten zugänglichen LyrikerInnen Schwedens – werden durch Funken von Humor ergänzt, die oftmals nur auf Zeichenebene aufblitzen. Die Gedichte in „Sprache und Regen“ entführen an die unterschiedlichsten Orte im Äußeren und Inneren. Regen, Flüsse, die Welt ist im Fluss. Poesie, auf die eine sich einlassen muss.

frostenson_sprache_und_regen2Besonders erfreulich für mich war eine Veranstaltung der Alten Schmiede gemeinsam mit der Schwedischen Botschaft in Wien im letzten Juni, die sich der Lyrik von Frostenson und Lotta Olsson widmete. Die zweisprachigen Lesungen waren ein Vergnügen und eine Widmung im schönen Lyrikband gab es am Ende auch.

Katarina Frostenson: Sprache und Regen. Aus dem Schwed. von Verena Reichel. 96 Seiten, Hanser, München 2016 EUR 16,40

Freundinnen

bjoerk_nicht_mein_typSo ganz greifbar ist die Insel im äußersten Norden Europas ja nicht, und die – umfassende, wunderbare – Literatur Islands macht es dann oft noch mysteriöser.

Doch in diesem Roman von Björg Magnúsdóttir erleben wir ein Stück Alltagskultur, einen Blick ins Leben von vier Freundinnen Mitte zwanzig, die unterschiedlicher nicht sein könnten, geschildert aus vier unterschiedlichen Perspektiven. Verbindendes Element ist, dass sie gemeinsam zur Schule gingen. Sie unterstützen sich in alltäglichen wie gröberen Problemen, die meist mit schwierigen Beziehungen oder unmöglichen One-Night-Stands zu tun haben. Anstrengend ist ihr Leben zwischen Arbeit, Dates und Besäufnissen in Nachtklubs. Amüsant und unappetitlich zugleich sind die sehr lebhaften Schilderungen von unmöglichen Typen, die in fremde Betten pinkeln, Schwiegervätern, die Studentinnen begrapschen oder Handgemengen mit Türstehern. Die Freundinnen diskutieren auch viel und heftig miteinander und sind manchmal völlig konträrer Meinung, grade auch wenn es um Feminismus geht. Der Vergleich mit „Sex and the City“ im Klappentext ist nicht nachvollziehbar, der zu „Girls“ trifft es schon eher. Jedenfalls begegnen wir einer sehr sympathischen, lustigen und ausgeflippten Clique. Nur Vorsicht beim Lesen in öffentlichen Verkehrsmitteln, nicht alle finden laut lachende Bücherleserinnen gut.

Björg Magnúsdóttir: Nicht ganz mein Typ. Aus dem Isländ. von Tina Flecken. 324 Seiten, Insel Verlag, Berlin 2016 EUR 13,40

erstmals erschienen in WeiberDiwan 02/2016

Hänsel und Gretel

helle_wenndumagstAlle, die schon mal in Dänemark waren, fragen sich wahrscheinlich, ob man sich in dänischen Wäldern tatsächlich verirren kann. Man kann, zumindest im Roman. Die bekannte Autorin Helle Helle schickt in ihrem neuesten Buch Roar und eine namenlose Frau jeweils für sich joggend in den Wald. Es ist Oktober und düster, bald wird es dunkel. Beide finden den Weg nach Hause nicht mehr, doch sie treffen einander und verbringen eine abenteuerliche Nacht im Wald. Dort ist es unheimlich und doch auch wieder nicht. Verlaufen haben sich beide auch in ihren Leben, wie wir in Rückblenden erfahren. Es kommt ein neuer Morgen und nach langem Suchen und vielen Magenkrämpfen finden sie zumindest einen Außenposten der Zivilisation, eine Art Hexenhaus im Wald, es gibt zu essen, aber Hexe lässt sich keine blicken und so auch keine reale Gefahr, die sie überwinden könnten, um befreit zu werden. Also gibt es auch keinen Weg nach Hause. Die Geschichte endet im Ungewissen.

Helle Helle: Wenn du magst. Aus dem Dän. von Flora Fink. 192 Seiten, Dörlemann, Zürich 2016 EUR 20,60

erstmals erschienen in WeiberDiwan 02/2016

Terror in Schweden

ljungber_dunkelheit1940, Nordschweden. Ein Terroranschlag auf eine kommunistische Zeitungsredaktion erschüttert die Stadt Luleå. Im Herbst 1939 greift Russland Finnland an, das sich im darauf folgenden sog. Winterkrieg überraschend lange gegen den übermächtigen Gegner behaupten kann. Im Nachbarland Schweden versucht die Regierung mit allen Mitteln den neutralen Status aufrecht zu erhalten. Im Süden droht Deutschland, im Osten Russland, und aus Westen über Norwegen versucht Großbritannien ins schwedische Norrland vorzudringen, denn dort gibt es enorme Eisenerzreserven. Die Neutralitätspolitik gefällt nicht allen. Vor allem der Kommunismus wird als Bedrohung gesehen. In Luleå bildet sich eine Gruppe um einen rechts-konservativen Journalisten und den zuständigen Staatsanwalt, die in der kommunistischen Zeitung Norrskensflamman (dt. Nordlichtflamme) eine so große Bedrohung sehen, dass sie einen Sprengstoffanschlag auf die Druckerpressen der Zeitung planen und ausführen. Dabei sterben fünf BewohnerInnen des Hauses, das völlig zerstört wird. Ann-Marie Ljungberg hat sich diesen Stoff durch gründliche Recherchen angeeignet und versucht in Form eines Dokumentarromans aufzuzeigen, wie es zu diesem Anschlag kam, wie sich die beteiligten Männer radikalisierten. Auf Grundlage der Aufzeichnungen aus dem Gerichtsverfahren gegen die Täter rekonstruiert die Autorin die Monate vor dem Anschlag und die Gerichtsverhandlung in wechselnden Vor- und Rückblenden. „Lassen Sie uns doch ein Komitee bilden“, ist jener lakonische Satz, der unumkehrbar den Schritt von Unzufriedenheit zu Unrecht markiert. Sehr lesenswert!

Ann-Marie Ljungberg: Dunkelheit, bleib bei mir. Aus dem Schwed. von Eva Scharenberg. 208 Seiten, Weidle, Bonn 2016 EUR 23,20

erstmals erschienen in WeiberDiwan 02/2016

Trauer essen Leben auf

Skomsvold_33Kjersti A. Skomsvold gilt in Norwegen als junges Talent am Buchmarkt, wo sie mit Lyrik und Prosa gleichermaßen reüssiert. In ihrem neuen Roman „33“ spricht die Mathematikerin K. über ihr Leben und ihre Suche nach der Liebe, ihren Kinderwunsch, eine dubiose Krankheit, ihr Festsitzen im Lehrberuf und den Wunsch zu schreiben. Sie liebt den Franzosen Ferdinand, der aber tot ist und dennoch mit ihr spricht. Sie liebt auch den Iren Samuel, der aber weit weg und nicht greifbar ist. Und sie spricht mit einem und über ein Kind, von dem man oft nicht sicher ist, ob es schon geboren wurde. Sie macht sich Gedanken. Wie soll sie es aushalten, auch noch Angst um ein Kind zu haben, wo doch schon die Angst selber zu sterben so groß ist. K. hängt fest, in ihrer Trauer um Ferdinand, in ihrem Job. Sie würde so gerne leben, weiß aber nicht, wie das gehen soll. Doch dann wird sie gesund und schön langsam bewegt sich etwas.

Mal wie ein innerer Monolog gehalten, mal in traumhaften Sequenzen mit surrealistischen Einsprengseln ist der Stil von Skomsvold besonders und verlangt sehr aufmerksames Lesen. Doch es lohnt sich, einzutauchen in dieses intensive Buch.

Kjersti A. Skomsvold: 33. Aus dem Norw. von Ursel Allenstein. 142 Seiten, Hoffmann und Campe, Hamburg 2015     EUR 20,60

erstmals erschienen in WeiberDiwan 01/2016

Vintage Krimi

Lang_LandfriedhofMaria Lang galt in den 1950er Jahren als „Krimikönigin“ Schwedens, ein Titel, den nach ihr noch eine Reihe von Autorinnen von der Kritik verliehen bekommen sollten. Lang war mit 42 zwischen 1949 und 1990 erschienen Kriminalromanen ihre Wegbereiterin. Vor ein paar Jahren wurde sie in Schweden neu entdeckt, ein paar ihrer Bücher verfilmt und nun beginnt die internationale Verbreitung. Im Titel „Tragödie auf einem Landfriedhof“ wird eine klassische Kriminalgeschichte im Stile von Miss Marple erzählt, und zwar aus der Perspektive einer jungen Literaturwissenschaftlerin, ihres Zeichens Rolemodel eines neuen Frauenbildes, intellektuell, gebildet, berufstätig. Und dennoch brave Ehefrau, apart gekleidet, die Nase über den Vamp in der Nachbarschaft und die unverhohlenen Blicke der Männer rümpfend. Eine ganz spannende Zeitreise also. Ach ja, einen Mord gibt es auch. Zu Weihnachten in der Nachbarschaft eines Pfarrhofs. Ganz nett konstruiert, mit versteckten Hinweisen, vielen Gesprächen mit Verdächtigen, Schauplatzskizzen, Zeittabellen, teilweise etwas klischeehaften Figuren. Aber das Besondere des Buches liegt eindeutig in der zeitgeschichtlichen Milieuschilderung.

 

Maria Lang: Tragödie auf einem Landfriedhof. Aus dem Schwed. von Stefan Pluschkat. 235 Seiten, btb Verlag, München 2015      EUR 17,50

erstmals erschienen in WeiberDiwan 01/2016

Ein Schriftstellerinnenleben

Wassmo_SchrittfürSchrittIn jeder Ausgabe des WeiberDiwan gibt es ein Lieblingsbuch für mich: diesmal ist es „Schritt für Schritt“ der Norwegerin Herbjørg Wassmo. Wie konnte mir diese Autorin nur all die Jahre entgehen! Nicht nur in Norwegen, sondern auch im deutschsprachigen Raum ist sie mit ihrer Trilogie über Tora, ein sog. Deutschenkind, bekannt geworden, in der sie ein nationales Tabu, nämlich den unsäglichen Umgang Norwegens mit Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs Beziehungen zu Deutschen eingingen, und den daraus hervorgegangen Kindern literarisch aufarbeitet.

In „Schritt für Schritt“ wird es in der Schilderung des Lebenswegs und Werdens einer Autorin vor dem Hintergrund der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sehr persönlich. Eine bekommt Gänsehaut bei dieser direkten und ehrlichen Art, in der die heute 73-jährige Autorin Privates, das wie hier eindrücklich in Erinnerung gerufen wird ungeheuer politisch ist, erzählt. Themen wie Kindesmissbrauch, Teenager-Schwangerschaft, Bedingungen einer Ehe, die Beziehung zu einem Alkoholiker, politisches Engagement trotz anderer Erwartungen der Gesellschaft an eine Mutter und ein unbändiger Wille zum Schreiben werden angesprochen, wobei eine solch trockene Aufzählung dem Erzählten in keinster Weise gerecht werden kann. Denn es sind der innere Drang der Hauptfigur, der eigene Ton und auch die Kulisse einer oft sehr kargen und harten Natur, die eine nicht mehr loslassen und hineinziehen in diese Roman. Ein mutiges und ermutigendes Buch für einen fixen Platz im Regal der frauenbewegten Literatur.

 

Herbjørg Wassmo: Schritt für Schritt. Aus dem Norw. von Gabriele Haefs. 349 Seiten, Argument Verlag Ariadne, Hamburg 2016    EUR 19,60

erstmals erschienen in WeiberDiwan 01/2016

Finnische Juwelen

Lehtolainen_EchodeinertatenMaria Kallio ist wieder da. Ihre Abteilung bei der Espooer Polizei steht vor der Auflösung, doch ein Fall ist noch zu lösen: der Juwelenhändler Jaakko Pulma wurde in einer Kirche ermordet. Was das Motiv angeht, tappen die ErmittlerInnen lang im Dunkeln. Jede Menge Leute machen sich verdächtig, der konkurrierende Geschäftsmann, die ehemalige Mitarbeiterin, ein psychisch kranker Jugendlicher. Dazu kommt, dass die Frau des Ermordeten eine aufstrebende Parlamentsabgeordnete ist und Zusammenhänge der Tat mit einem Familienunglück in ihrer Vergangenheit nicht ausgeschlossen werden können. Ihr junger, hochmotivierter Assistent wiederum drängt bei jeder Gelegenheit ins Rampenlicht. Kallio muss also vor allem Ordnung ins große Personenregister bringen. Ein weiterer Mord, eine Bombendrohung und ein Showdown auf der Langlaufloipe bringen Spannung. Dennoch ist alles ziemlich Routine, professionell, aber als Kallio-Fan wünscht eine sich, sie möge nun an eine Stelle versetzt werden, wo es wieder neuen Pep gibt.

Leena Lehtolainen: Das Echo deiner Taten. Maria Kallio ermittelt. Aus dem Finn. von Gabriele Schrey-Vasara. 413 Seiten, Kindler, Reinbek b. Hamburg 2016        EUR 10,60

erstmals erschienen in WeiberDiwan 01/2016