Sturm auf Papay

Mein Lieblingsbuch der letzten Monate und ein guter Grund, die unglaublichen Orkneyinseln in mein Verständnis vom Norden (siehe über nordstein) einzubinden:

Eine junge Frau um die 30 kämpft mit dem Großstadtleben in London und gegen ihre Alkoholsucht. Aufgewachsen auf den entlegenen Orkneyinseln kam sie, kaum erwachsen geworden, nach London, wo sie sich das „richtige“ Leben erwartete. Zwischen allerlei Jobs gibt es Partys, Partys, Partys, Wochenenden voller ausschweifender Feste. Ständig auf der Suche nach dem Extatischen. Bald ist klar, dass sie längst eine Grenze überschritten hat. Die Grenze, an der sie die Kontrolle über ihr Leben abgegeben hat. Schonungslos beschreibt die Britin Amy Liptrot den Absturz ihrer autobiografisch inspirierten Protagonistin. Viel Hilfe von außen gibt es nicht, doch Amy hat Glück und bekommt einen ambulanten Therapieplatz. Trocken geworden fährt sie ihre Mutter auf Orkney besuchen und bleibt mangels Alternativen, jobbt für eine Vogelschutzorganisation, denkt viel über diese isolierte Lebenswelt nach. Sie verbringt viel Zeit in der rauen Natur, die sie von Kind an kennt. Der weite Himmel, das Meer, Stürme, Wind und Wetter. Die stärksten Stellen des Buchs nehmen eine mit in diese einzigartige Umgebung, die Amy heilen lässt und die eine Art von Ruhe ausstrahlt, nach der eine sich möglicherweise selbst sehnt, auch wenn die Leserin ahnt, dass sie nicht einen Winter lang allein in einem winzigen Häuschen auf einer 70-Seelen-Insel am Rande des Atlantiks durchhalten würde. Amy Liptrot war mit ihrem Buch, das Roman, Autobiografie und Reisehandbuch in einem ist, wochenlang auf den britischen Bestsellerlisten. Sehr zu Recht. Außergewöhnlich und sehr empfehlenswert!

Amy Liptrot: Nachtlichter. Aus dem Engl. von Bettina Münch. 348 Seiten, btb, München 2017 EUR 18,50

erstmals erschienen in WeiberDiwan 02/2017

Erbarmungslos

Nachdem gerade erst vor einem Jahr mit „DNA“ eine neue Krimiserie der Isländerin Yrsa Sigurdardóttir auf Deutsch startete, können wir uns schon über den zweiten Band „SOG“ freuen. Das heißt, freuen ist so eine Sache. Nach den grausamen Morden in „DNA“ werden wir diesmal mit der zehn Jahre zurückliegenden Vergewaltigung und dem Mord an einer Schülerin konfrontiert. In einer Zeitkapsel wird eine Liste von Initialen gefunden, die Menschen auflistet, die nun zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Da dauert es auch nicht lange, bis erste Leichenteile auftauchen. Alles sehr grauslich und nichts für sensible Gemüter. Doch der nach den Ereignissen in „DNA“ degradierte Polizist Huldar und die Kinderpsychologin Freyja, die ebenfalls ihre leitende Stelle verloren hat, leisten wieder gute Arbeit und treten dabei auch Vertretern besserer Kreise auf die Zehen. Und vielleicht klappt es dann ja doch noch mal mit einer liebevollen Annäherung zwischen den beiden. Für harte Krimifans ein Fall aus dem eiskalten Norden.

Yrsa Sigurdardóttir: SOG. Aus dem Isländ. von Tina Flecken. 444 Seiten, btb, München 2017 EUR 20,60

erstmals erschienen in WeiberDiwan 02/2017

Finnischer Winter

Zum vierten Mal schickt die finnische Autorin Leena Lehtolainen ihre Heldin Leibwächterin Hilja Ilveskero zu einem neuen Auftrag. Auf einem einsamen Landgut wohnt die sehr alte Dame Lovisa Johnson, die befürchtet, dass man ihr nach dem Leben trachtet. Hilja soll sie beschützen. Schnell tauchen jede Menge Verwandte auf, denen Hilja nicht unbedingt traut, gibt es doch ein großes Erbe zu erwarten. Seltsame Dinge geschehen, auf Hilja wird geschossen und Geschichten aus längst vergangenen Zeiten verweben sich mit der Gegenwart. Für Spannung ist gesorgt. Hilja ist tough wie immer, aber stabiler und konzentrierter als in den letzten Bänden. Überhaupt spielt die Vergangenheit wenig Rolle und das Buch funktioniert auch alleinstehend wunderbar. Mit Lovisa erhält die Heldin außerdem Gesellschaft von einer interessanten Figur, deren Geschichte als alleinstehende Gutsherrin und Unternehmerin auch sozialpolitische Fragen streift. Immer wieder gerne!

Leena Lehtolainen: Schüsse im Schnee. Aus dem Finn. von Gabriele Schrey-Vasara. 381 Seiten, Rowohlt, Reinbek/Hamburg 2017 EUR 20,60

erstmals erschienen in WeiberDiwan 02/2017

Esoterischer Norden

Krimiserien erfreuen sich ja bekanntlich großer Beliebtheit, wobei der „kriminelle“ Inhalt manchmal zugunsten der Entwicklung der Hauptfiguren in den Hintergrund rückt. Darum ist es auch mal spannend, in eine Serie bei Fall Nummer sieben einzusteigen. Hanna Hemlokk ist nicht nur Privatdetektivin, sondern auch Autorin schmalziger Liebesromane. Wie gut, dass während einer kleinen Schreibblockade ein Kriminalfall auftaucht. Eine Witwe glaubt nicht, dass der Tod ihres Mannes ein Unfall war, und beauftragt Hanna. Aber auch in ihrer direkten Umgebung geht es rund. In dem kleinen schleswig-holsteinischen Dorf wimmelt es nur so von BesucherInnen eines geheimnisvollen Kornkreises. Nicht nur, dass Hanna genervt von deren esoterischem Gelaber ist, kaufen sie auch noch die lokale Bäckerei leer, gerade als Hanna dringend eine Cremeschnitte möchte. Als plötzlich eine der „Channeling“-Expertinnen auf mysteriöse Weise verschwindet und Hanna auch in diesem Fall ermittelt, wird es fast ein wenig unübersichtlich. Eine rasant erzählte Geschichte mit skurrilen Episoden und ganz sicher ohne Thrillerelemente, die eine nicht gut schlafen lassen. Nur der aufgekratzte Ton und die große norddeutsche Klappe der Heldin können manchmal etwas anstrengend werden.

Ute Haese: Buttgeflüster. Der siebte Fall für Hanna Hemlokk. Küsten Krimi. 333 Seiten, emons, Köln 2017 EUR 12,30

erstmals erschienen in WeiberDiwan 02/2017

Immer wieder Trondheim

Mit der sogenannten „Lügenhaus“-Trilogie wurde die Norwegerin Anne B. Ragde auch im deutschsprachigen Raum bekannt. Die ungewöhnliche Geschichte über eine Familie rund um einen Bauernhof mit Schweinezucht in der Nähe von Trondheim war spannend, witzig, tragisch und endete nicht gerade harmonisch. Ragde selbst ließ ihre Fangemeinde stets in dem Glauben, das Werk wäre damit endgültig abschlossen, doch scheinbar konnte sie selbst nicht von ihren Figuren lassen. Wir dürfen diese nun in einem vierten Band noch einmal treffen. Margido ist immer noch Bestattungsunternehmer und am Rande der Erschöpfung, sein Bruder Erlend und sein Lebensgefährte Krumme leben weiterhin in Kopenhagen, sind glückliche Väter dreier Kinder, aber nicht vor den Sorgen des Lebens gefeit. Und Torunn, die lange unbekannte Nichte, die schon einmal alles auf den Kopf gestellt hat, ist verloren und unglücklich – bis sie zurückkehrt auf den alten, dem Verfall preisgegebenen Hof Neshov. Das Leben ist nicht vorbei, bevor es vorbei ist. Und so gibt es für alles eine Fortsetzung. Gute Unterhaltung!

Anne B. Ragde: Sonntags in Trondheim. Aus dem Norw. von Gabriele Haefs. 350 Seiten. btb, München 2017 EUR 16,50

erstmals erschienen in WeiberDiwan 02/2017

Ein vierbeiniger Freund

Jakob verbringt die Ferien mit seinen Eltern im Sommerhaus – wie jedes Jahr. Doch diesmal lernt er einen besonderen Freund kennen, einen kleinen Streunerhund. Der ist anfangs sehr scheu, aber Jakob, der schon früher einen Hund hatte, der gestorben ist und den er sehr vermisst, weiß, wie er sich ihm nähern muss. Und so werden sie Schritt für Schritt Freunde. Jakob möchte den Hund gerne behalten, aber so einfach darf er das nicht. Als sich bis zum Ferienende niemand meldet, dem der Hund gehört, erlauben Jakobs Eltern, dass Ronny – so hat Jakob ihn genannt – mit in die Stadt kommt. Doch eines Tages steht dann eine andere Familie vor der Tür und fordert ihren Hund zurück. Ein schwerer Tag für Jakob und Ronny – wird ihre Freundschaft stärker sein als der Besitzanspruch von Menschen, die ihren geerbten Hund wiederhaben wollen?

Eine sehr anrührende Geschichte über einen Jungen im Volksschulalter und seine Liebe zu Hunden. Sehr anschaulich wird geschildert, wie sich die beiden einander annähern, erst „beschnuppern“ im wahrsten Sinne und dann unzertrennlich werden. Gemeinsam haben sie – ohne es zu wissen – dass sie beide schon jemand wichtigen verloren haben, was sie vorsichtig macht, aber nicht daran hindert, eine neue Beziehung einzugehen. Für sensible Kinder sei aber eine kleine Warnung ausgesprochen, denn gerade die beiden ersten Kapitel haben es in sich: Ronny verliert sein Frauchen und wird zum Streuner, und Jakobs erster Hund stirbt. Tabulos, wie das nur in skandinavischen Kinderbüchern geschieht, wird über den Tod geschrieben. Aber dann folgt ein Neuanfang. Eine schöne Geschichte zum Vor- oder Selberlesen.

Liv Frohde: Ein Hund für Jakob. Aus dem Norwegischen von Inge Wehrmann. Mit Bildern von Almud Kunert. 128 Seiten. Thienemann, Stuttgart 2017    EUR 12,40      Ab ca. 7 J.

Seltsame Dinge

Die schwedische Autorin Åsa Foster erlaubt in ihren zehn Kurzgeschichten, die alle in der südschwedischen Region Schonen handeln, wo die Autorin kreatives Schreiben studiert hat, einen Einblick in den Alltag von ganz gewöhnlichen Menschen, denen doch Seltsames widerfährt. Die Settings sind teilweise so alltäglich, die Figurentypen so wohlbekannt, dass man fürchtet, es könnte langweilig oder stereotyp werden, doch das passiert nie. Themen, die behandelt werden, sind Mutterschaft, die Monotonie von Langzeitbeziehungen, die Einsamkeit neuer Zugezogener, finanzielle Krisen und immer wieder die Liebe. Mal ist das amüsant, mal bedrückend, dann überraschen Bekenntnisse, die den Schein, dass alle anderen die Herausforderungen des Alltags so souverän meistern, antasten. Einfach gut zu lesen! Hoffentlich gibt es bald Lesenachschub von Åsa Foster. Dem Vernehmen nach arbeitet sie gerade an einem Roman.

Åsa Foster: Und außerdem machen die Leute heutzutage so seltsame Dinge. Aus dem Schwed. von Ursel Allenstein und Stefan Pluschkat. 222 Seiten, Arche Verlag, Zürich-Hamburg 2017EUR 20,60

erstmals erschienen in WeiberDiwan 01/2017

Anne holt Hanne zurück

Kreischende Hanne Wilhelmsen-Fans stürmen die Buchläden… Nein, im Ernst, für alle treuen Leser*innen der norwegischen Krimiautorin Anne Holt bietet der neueste Fall Gelegenheit, altbekannte Protagonist*innen wieder zu treffen. Holt ist als Autorin nicht zimperlich mit ihren Figuren. Kriminalpsychologin Johanne Vik ereilte nach der Lösung ihres letzten Falles ein plötzlicher Tod; Hanne Wilhelmsen, in acht Bänden seit den 1990er Jahren Kommissarin, wurde nach einigen durchlebten privaten Katastrophen im Dienst angeschossen und verbrachte die darauffolgenden Jahre völlig zurückgezogen auf den Rollstuhl angewiesen. Jetzt wird sie auf zweifache Weise wieder aktiv. Offiziell arbeitet sie an sogenannten „cold cases“, also an ungeklärten Fällen aus der Vergangenheit. Und dann steht eines Tages ihr alter Kollege Billy T. vor der Tür, er braucht Hilfe. Doch noch bevor überhaupt klar wird, ob die beiden wieder einen Weg finden, miteinander umzugehen, detoniert in Oslo eine Bombe und das Chaos bricht los. Alte Traumata nach den Anschlägen von 2011 brechen auf, es gibt Spekulationen und ein islamistisches Bekennervideo. Es gibt Zweifel, Ungereimtheiten und eine Gruppierung, die es schafft, völlig unabhängig von digitalen Medien zu kommunizieren. Intelligent, politisch aufmerksam und wie immer haarscharf an der Realität schafft Holt Hochspannung. Pflichtlektüre für Krimiaffine.

Anne Holt: Ein kalter Fall. Aus dem Norw. von Gabriele Haefs. 432 Seiten, Piper, München-Berlin-Zürich 2017EUR 22,70

erstmals erschienen in WeiberDiwan 01/2017

Kalt

Der Zugang zum von der Kritik viel gelobten Roman „Die weiße Stadt“ von Karolina Ramqvist und zur Protagonistin fällt nicht leicht. Karin lebt isoliert und am Rande der Verwahrlosung alleine mit ihrem Baby in einem großen eingeschneiten Haus mit Blick auf Wald und See. Vieles stimmt hier ganz und gar nicht, doch wie kam das? Schicht um Schicht ent‑ hüllt sich langsam das Bild einer auf den Kopf gestellten Existenz – einst die in Luxus lebende Frau eines Kriminellen, jetzt aus diesen Kreisen verstoßene stillende Witwe. Handlungsunfähig und wie gelähmt ist sie, nicht einmal ihren Körper erkennt sie wieder, völlig vereinnahmt von dem Kind, das sie aussaugt. Doch gerade dieser Zwang hält sie in der physisch wie psychisch schmerz‑ haften Wirklichkeit, bis die Delogierung nicht mehr aufzuschieben ist. Ramqvist versteht es, eine eisige, beklemmende Stimmung zu erzeugen, mit aller Härte das Schicksal zu beschreiben, aus dem die Protagonistin nur selbst ausbrechen kann. Hilfe ist nicht zu erwarten, weder vom Wohlfahrtsstaat noch vom schicken Anwalt aus dem früheren Leben und scheinbar auch nicht von der einstmals besten Freundin. Aber überhaupt aus dem Haus zu gehen, ist schon ein Anfang.

Karolina Ramqvist: Die weiße Stadt. Aus dem Schwed. von Antje Rávic Strubel. 184 Seiten, Ullstein, Berlin 2016EUR 18,50

erstmals erschienen in WeiberDiwan 01/2017

Hoffnung

Reykjavík Ende des 19. Jahrhunderts. Guðfinna arbeitet als Tagelöhnerin, meist als Wäscherin oder Kohlenträgerin, und wohnt zusammen mit mehreren anderen in einer kleinen Hütte. Ihre Herkunftsfamilie wurde nach dem Tod des Vaters auf dem Meer in alle Winde zerschlagen. Eine Zeit lang arbeitete sie als Magd auf dem Land. Doch viele junge Mädchen in einer ähnlichen Lage träumen von der Stadt und einer Anstellung in einem feinen Haushalt. Gemeinsam mit ihrer Freundin Stefanía machte sie sich auf den Weg. Glamourös ist es nicht, das Stadtleben, und die Vorstellung von einer „feinen“ Anstellung wird bald abgelöst von den Erzählungen über sexuellen Missbrauch durch die „feinen“ Herren. Als Tagelöhnerinnen fühlen sie sich vergleichsweise frei, schleppen bei Wind und Schneefall die Schmutzwäsche über gefährliche Felspfade zu den heißen Quellen. Sie machen Bekanntschaft mit Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt, aber auch mit Krankheit, Armut und Tod. Was bleibt, ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die unglaubliche Kraft, die die Frauenfiguren in diesem Roman ausstrahlen. Poetisch und kraftvoll erzählt. Große Leseempfehlung!

Kristín Steinsdóttir: Hoffnungsland. Aus dem Isländ. von Anika Wolff. 216 Seiten, Verlag C. H. Beck, München 2017EUR 20,60

erstmals erschienen in WeiberDiwan 01/2017