{"id":304,"date":"2011-12-01T18:35:34","date_gmt":"2011-12-01T16:35:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nordstein.at\/literatur\/?p=304"},"modified":"2015-11-01T18:55:17","modified_gmt":"2015-11-01T16:55:17","slug":"island-der-schriftstellerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nordstein.at\/literatur\/island-der-schriftstellerinnen\/","title":{"rendered":"Island der Schriftstellerinnen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Island war 2011 als erstes skandinavisches Land Gastland der Frankfurter Buchmesse, was besonders viele isl\u00e4ndische Neuerscheinungen, islandbezogene Veranstaltungen und Presseberichte mit sich brachte. 89 belletristische Titel erschienen zwischen Herbst 2010 und Herbst 2011 neu auf Deutsch. 25 davon stammen von Autorinnen, das sind gerade einmal 28 Prozent. Erfreulicherweise waren aber viele Autorinnen pers\u00f6nlich auf der Messe vertreten.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nordstein.at\/literatur\/wp-content\/uploads\/100_4136.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-306\" src=\"http:\/\/www.nordstein.at\/literatur\/wp-content\/uploads\/100_4136-300x225.jpg\" alt=\"100_4136\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.nordstein.at\/literatur\/wp-content\/uploads\/100_4136-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.nordstein.at\/literatur\/wp-content\/uploads\/100_4136-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Island ist ein Land der Superlative, was damit beginnt, dass es sich um das geologisch j\u00fcngste Land der Erde handelt und damit aufh\u00f6rt, dass pro Kopf nur die US-Amerikaner*innen mehr Strom verbrauchen. Auch Frauen in der Politik werden immer wieder als Rekordhalter*innen dargestellt: Vigd\u00eds Finnbogad\u00f3ttir war 1980 das erste gew\u00e4hlte weibliche Staatsoberhaupt, 1983 wurde die Frauenallianz als weltweit erste feministische Partei ins Althing gew\u00e4hlt und derzeit f\u00fchrt J\u00f3hanna Sigur\u00f0ard\u00f3ttir als erste offen lesbische Premierministerin die Regierungsgesch\u00e4fte, was bedeutet, dass sie daf\u00fcr verantwortlich ist, das nach dem Bankencrash 2007 schwer angeschlagene Land aus der Krise zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>In der Literaturbranche r\u00fchmt man sich auch mit Weltrekorden. Gemessen an einer Gesamtbev\u00f6lkerung von nur 320.000 Personen zeigt die Insel knapp s\u00fcdlich des Polarkreises mit j\u00e4hrlich 1.500 Neuerscheinungen in 42 Verlagen eine starke literarische Szene. Im Schnitt kaufen Isl\u00e4nder*innen acht B\u00fccher im Jahr. Schriftsteller*innen k\u00f6nnen \u2013 so wie andere K\u00fcnstler*innen \u2013 ein staatliches Gehalt beziehen, wenn sie bereits eine bestimmte Anzahl von Ver\u00f6ffentlichungen nachweisen. \u00c4hnliche Voraussetzung gelten auch f\u00fcr eine Aufnahme in die isl\u00e4ndische Schriftstellergewerkschaft. Nur ein Drittel der Mitglieder und ein Drittel der Autor*innen, die vom Schreiben leben k\u00f6nnen, sind allerdings Frauen, was deutlich macht, dass es auch in Island strukturelle Hindernisse f\u00fcr Frauen gibt, um am Buchmarkt zu re\u00fcssieren.<\/p>\n<p>Bei den \u00dcbersetzungen ins Deutsche sinkt der Anteil von Autorinnen wie eingangs erw\u00e4hnt noch etwas. W\u00e4hrend die erfolgreichsten Autorinnen auf der Frankfurter Buchmesse gut vertreten sind, werden sie in der medialen Wahrnehmung oft ignoriert: Der Standard erw\u00e4hnt in drei Seiten Text zur Buchmesse 17 Autor*innen namentlich, davon drei Frauen; im Kurier werden acht isl\u00e4ndische Neuerscheinungen empfohlen, eines davon von einer Frau; in der Falterbuchbeilage: keine einzige isl\u00e4ndische Autorin.<\/p>\n<h3>Erz\u00e4hltraditionen<\/h3>\n<p>Weibliches Erz\u00e4hlen hat in Island eine weit zur\u00fcckreichende Tradition. Die <a href=\"http:\/\/www.nordstein.at\/literatur\/wp-content\/uploads\/100_4111.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-307\" src=\"http:\/\/www.nordstein.at\/literatur\/wp-content\/uploads\/100_4111-300x225.jpg\" alt=\"100_4111\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.nordstein.at\/literatur\/wp-content\/uploads\/100_4111-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.nordstein.at\/literatur\/wp-content\/uploads\/100_4111-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>m\u00fcndliche \u00dcberlieferung von Dichtung in altnordischer Zeit folgte Formen wie Visionen, Zauberformeln, Arbeitsliedern, Klageges\u00e4ngen oder Heilungsgedichten und wurde oft von Frauen weitergeben. Schriftlich erhalten ist die Liederedda, deren Texte zumindest zum Teil aus der Zeit vor dem 10. Jahrhundet stammen d\u00fcrften, auch wenn sie erst sp\u00e4ter niedergeschrieben wurden. Diese Schilderungen von fantastischen mythologischen Figuren, \u00fcbernat\u00fcrlichen Erscheinungen und Heldentaten enthalten viele Ankn\u00fcpfungspunkte an die Erfahrungswelt von Frauen der Wikingerzeit und geben Frauen in Form von Monologen auch eine Stimme. Aber mit der Christianisierung, den ersten (Kloster-)Schulen und der Verschriftlichung wurde Literatur zu einem m\u00e4nnerdominierten Bereich.<\/p>\n<p>In der modernen isl\u00e4ndischen Literatur lassen sich trotz aller Diversit\u00e4t ein paar wiederkehrende Motive ausmachen: die karge, raue Natur und die imposante Landschaft mit Gletschern, eisigem Meer und hei\u00dfen Quellen spielen in vielen Publikationen eine Rolle; \u00e4hnliches gilt f\u00fcr \u00fcbernat\u00fcrliche Erscheinungen, die sowohl aus den Liedern der Edda als auch den reichen Volksm\u00e4rchen bekannt sind und bis heute Einfluss haben. Diese Motive zeigen sich in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung auch in den folgenden\u00a0aus verschiedenen Genres ausgew\u00e4hlten Beispielen.<\/p>\n<h3>Krist\u00edn Steinsd\u00f3ttir<\/h3>\n<p>In Krist\u00edn Steinsd\u00f3ttirs Roman \u201eIm Schatten des Vogels\u201c sind beide genannten Motive von Bedeutung. Es geht um die Geschichte Lj\u00f3sas, die Ende des 19. Jahrhunderts auf einem einsamen Bauernhof aufw\u00e4chst. Die Geschichten der alten Magd Kristbj\u00f6rg sind genauso allt\u00e4glich f\u00fcr sie, wie der Brauch, der \u201eHauselfe\u201c etwas Milch zu bringen, um sie milde zu stimmen. Lj\u00f3sa ist der Natur mit all ihren unsichtbaren Bewohner*innen stark verbunden. Als sie heranw\u00e4chst, verliebt sie sich in einen jungen Mann, doch der Vater verbietet die Verbindung und schickt sie auf eine M\u00e4dchenschule nach Reykjav\u00edk. Trotzdem es immer Lj\u00f3sas Wunsch gewesen war, etwas von der Welt zu sehen, und sie jetzt n\u00e4hen und sogar Harmonium spielen darf, gleitet sie immer tiefer in die Depression. Nach einem Jahr kehrt sie zur\u00fcck in die Herkunftsregion und heiratet einen Zimmermann. Die Spannungen zwischen ihrem Mann und ihrem Vater st\u00fcrzen sie in innere Konflikte, f\u00fcr die ihr aber nach beinahe j\u00e4hrlichen Schwangerschaften und Geburten bald keine Kraft mehr bleibt. Lange Zeit wirkt sie einfach exzentrisch und widerspenstig, doch mit den Jahren manifestiert sich eine manisch-depressive St\u00f6rung, f\u00fcr die sie keine ad\u00e4quate Behandlung bekommt. Krist\u00edn Steinsd\u00f3ttir schrieb diesen Roman in Anlehnung an das Schicksal ihrer Gro\u00dfmutter; um Milieu und Umst\u00e4nde des b\u00e4uerlichen Lebens im 19. Jahrhundert realistisch darstellen zu k\u00f6nnen, hat die f\u00fcr ihre Kinderb\u00fccher bereits preisgekr\u00f6nte Autorin viele Jahre lang recherchiert. Die Figur der Lj\u00f3sa ist mit viel Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und Sympathie dargestellt; durch die Erz\u00e4hlung in der ersten Person sehen wir die Welt durch ihre Augen \u2013 so auch die damals weit verbreitete Methode, psychisch kranke Personen in eine \u201eNarrenkiste\u201c einzusperren. Eine grausame Methode, doch, wie die Autorin sagt, ebenso eine \u201eMa\u00dfnahme der Verzweiflung\u201c eines v\u00f6llig \u00fcberforderten Umfeldes.<\/p>\n<p><strong>Krist\u00edn Steinsd\u00f3ttir: Im Schatten des Vogels. Roman.<\/strong> \u00dcbersetzt von Anika L\u00fcders. 252 Seiten, C.H.Beck, M\u00fcnchen 2011\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 EUR 20,60<\/p>\n<h3>Yrsa Sigur\u00f0ard\u00f3ttir<\/h3>\n<p>Auch Yrsa Sigur\u00f0ard\u00f3ttir begann ihre Karriere als Kinderbuchautorin, wechselte dann aber ins Krimigenre, in dem sie auch im Ausland bekannt wurde. In ihrem neuesten Thriller \u201eGeisterfjord\u201c kommt es in einem einsamen Fjord zu gespenstischen Begegnungen, die einer schon mal schlaflose N\u00e4chte bescheren k\u00f6nnen. Spurlos verschwundene Kinder sind als Krimithema schon gruselig genug, aber wenn sie dann auch noch als Geister wiederkehren! Die Verbindung au\u00dfergew\u00f6hnlicher Umst\u00e4nde (v\u00f6llige Isolation von der modernen Umwelt) mit psychischem Druck lassen die Grenzen zwischen materieller Wirklichkeit und Einbildung verschwimmen \u2013 so hofft die Leserin mit den Protagonist*innen, die sich w\u00fcnschen, das was sie erleben seien nur Halluzinationen.<\/p>\n<p><strong>Yrsa Sigur\u00f0ard\u00f3ttir: Geisterfjord. Thriller.<\/strong> \u00dcbersetzt von Tina Flecken. 358 Seiten, Fischer Taschenbuch, Frankfurt\/Main 2011\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 EUR 9,30<\/p>\n<h3>Steinunn Sigur\u00f0ard\u00f3ttir<\/h3>\n<p>Ganz ohne \u00dcbersinnliches kommt hingegen Steinunn Sigur\u00f0ard\u00f3ttir in \u201eDer gute Liebhaber\u201c aus. In sehr n\u00fcchternem, klaren Stil schreibt sie eine anfangs m\u00e4rchenhaft anmutende Geschichte von Karl, der, nachdem er in den USA ein erfolgreicher Gesch\u00e4ftsmann geworden ist, nach Island kommt, um seine Jugendliebe zu entf\u00fchren \u2013 was ihm dank einer Reihe ziemlich unwahrscheinlicher Zuf\u00e4lle auch gelingt. Ein Leben lang hatte er sich nach Una verzehrt; keine seiner zahlreichen Geliebten, fast alle \u00e4u\u00dferlich perfekt, konnten ihn \u00fcber seinen Verlust tr\u00f6sten. Er h\u00e4lt sich f\u00fcr einen \u201eguten Liebhaber\u201c, der eine Frau perfekt befriedigen kann. Er selbst \u201everzichtet\u201c dabei auf den Orgasmus. Doch gerade als sich das M\u00e4rchen mit Una zu erf\u00fcllen scheint, erinnert Karl sich an Doreen, eine der weniger perfekten Geliebten, die hinter seine Fassade blickte, die ihn mit seiner Masche des perfekten Liebhabers nicht so einfach davon kommen lie\u00df, und ihn dadurch gleichzeitig abstie\u00df und anzog.<\/p>\n<p><strong>Steinunn Sigur\u00f0ard\u00f3ttir: Der gute Liebhaber. Roman.<\/strong> \u00dcbersetzt von Coletta B\u00fcrling. 223 Seiten, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 EUR 18,50<\/p>\n<h3>Krist\u00edn Marja Baldursd\u00f3ttir<\/h3>\n<p>Eine Autorin, die von sich sagt: \u201eGleichberechtigung war meine Vision als ich mit dem Schreiben begann\u201c, ist Krist\u00edn Marja Baldursd\u00f3ttir. Im deutschsprachigen Raum wurde sie 2001 mit \u201eM\u00f6wengel\u00e4chter\u201c bekannt, das sp\u00e4ter auch verfilmt wurde. Ihre \u00e4lteren Romane sind gerade als Taschenb\u00fccher neu aufgelegt worden. Neu erschienen ist der Roman \u201eSterneneis\u201c, der eine 14-J\u00e4hrige und eine Frau in den 50ern in ein einsames Ferienhaus ohne Strom und damit ohne Handy, Internet und Fernsehen verschl\u00e4gt, wo sie ein ganzes Wochenende zusammen verbringen. Sie finden einen Draht zueinander, als die \u00c4ltere beginnt, der J\u00fcngeren Geschichten aus ihrem Leben zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><strong>Krist\u00edn Marja Baldursd\u00f3ttir: Sterneneis. Roman.<\/strong> \u00dcbersetzt von Ursula Giger. 240 Seiten, Kr\u00fcger Verlag, 2011\u00a0\u00a0 EUR 17,50<\/p>\n<p>Es bleibt zu hoffen, dass das Interesse an isl\u00e4ndischer Literatur auch nach der Buchmesse weiter anh\u00e4lt. Ob historisch oder gegenw\u00e4rtig, ob \u00fcbersinnlich oder ganz ohne Elfen und Trolle. Die isl\u00e4ndische Literatur hat viel zu bieten. Kein Wunder, dass die Isl\u00e4nder*innen so gerne lesen.<\/p>\n<p>erstmals erschienen in\u00a0<a href=\"http:\/\/weiberdiwan.at\/cms\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/WeiberDiwan__2011-02__Herbst_Winter.pdf\" target=\"_blank\">WeiberDiwan 02\/2011<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Island war 2011 als erstes skandinavisches Land Gastland der Frankfurter Buchmesse, was besonders viele isl\u00e4ndische Neuerscheinungen, islandbezogene Veranstaltungen und Presseberichte mit sich brachte. 89 belletristische Titel erschienen zwischen Herbst 2010 und Herbst 2011 neu auf Deutsch. 25 davon stammen von Autorinnen, das sind gerade einmal 28 Prozent. 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