Kalt

Der Zugang zum von der Kritik viel gelobten Roman „Die weiße Stadt“ von Karolina Ramqvist und zur Protagonistin fällt nicht leicht. Karin lebt isoliert und am Rande der Verwahrlosung alleine mit ihrem Baby in einem großen eingeschneiten Haus mit Blick auf Wald und See. Vieles stimmt hier ganz und gar nicht, doch wie kam das? Schicht um Schicht ent‑ hüllt sich langsam das Bild einer auf den Kopf gestellten Existenz – einst die in Luxus lebende Frau eines Kriminellen, jetzt aus diesen Kreisen verstoßene stillende Witwe. Handlungsunfähig und wie gelähmt ist sie, nicht einmal ihren Körper erkennt sie wieder, völlig vereinnahmt von dem Kind, das sie aussaugt. Doch gerade dieser Zwang hält sie in der physisch wie psychisch schmerz‑ haften Wirklichkeit, bis die Delogierung nicht mehr aufzuschieben ist. Ramqvist versteht es, eine eisige, beklemmende Stimmung zu erzeugen, mit aller Härte das Schicksal zu beschreiben, aus dem die Protagonistin nur selbst ausbrechen kann. Hilfe ist nicht zu erwarten, weder vom Wohlfahrtsstaat noch vom schicken Anwalt aus dem früheren Leben und scheinbar auch nicht von der einstmals besten Freundin. Aber überhaupt aus dem Haus zu gehen, ist schon ein Anfang.

Karolina Ramqvist: Die weiße Stadt. Aus dem Schwed. von Antje Rávic Strubel. 184 Seiten, Ullstein, Berlin 2016EUR 18,50

erstmals erschienen in WeiberDiwan 01/2017

Trauer essen Leben auf

Skomsvold_33Kjersti A. Skomsvold gilt in Norwegen als junges Talent am Buchmarkt, wo sie mit Lyrik und Prosa gleichermaßen reüssiert. In ihrem neuen Roman „33“ spricht die Mathematikerin K. über ihr Leben und ihre Suche nach der Liebe, ihren Kinderwunsch, eine dubiose Krankheit, ihr Festsitzen im Lehrberuf und den Wunsch zu schreiben. Sie liebt den Franzosen Ferdinand, der aber tot ist und dennoch mit ihr spricht. Sie liebt auch den Iren Samuel, der aber weit weg und nicht greifbar ist. Und sie spricht mit einem und über ein Kind, von dem man oft nicht sicher ist, ob es schon geboren wurde. Sie macht sich Gedanken. Wie soll sie es aushalten, auch noch Angst um ein Kind zu haben, wo doch schon die Angst selber zu sterben so groß ist. K. hängt fest, in ihrer Trauer um Ferdinand, in ihrem Job. Sie würde so gerne leben, weiß aber nicht, wie das gehen soll. Doch dann wird sie gesund und schön langsam bewegt sich etwas.

Mal wie ein innerer Monolog gehalten, mal in traumhaften Sequenzen mit surrealistischen Einsprengseln ist der Stil von Skomsvold besonders und verlangt sehr aufmerksames Lesen. Doch es lohnt sich, einzutauchen in dieses intensive Buch.

Kjersti A. Skomsvold: 33. Aus dem Norw. von Ursel Allenstein. 142 Seiten, Hoffmann und Campe, Hamburg 2015     EUR 20,60

erstmals erschienen in WeiberDiwan 01/2016